Predigt beim Ökumenischen Taufgedächtnisgottesdienst der ACK Köln

Erzpriester Radu Constantin Miron

am Baptisterium in Köln (29.06.2019)

19 1ACKBaptisterium

Der bewegende Augenblick…

Es ist, liebe ökumenische Gemeinde, immer wieder ein bewegender Augenblick, hier am Baptisterium zu stehen. Bewegend in einem doppelten Sinn, da wir uns zum einen alle hierhin bewegen mussten. Wir alle mussten die schützenden Mauern unserer Kirchen verlassen, um an diesen ungewohnten Ort außerhalb der möglichen Routine unserer Gottesdienste zu gelangen. Zum anderen bewegt uns dieser Ort, da er ein Ort des Ursprungs ist, an den wir einmal im Jahr als Kölner ACK zurückkehren.

Am Baptisterium erinnern wir uns, dass in der Urkirche hauptsächlich Erwachsene getauft wurden, die sich auf Grund ihres persönlichen Entschlusses zum Glauben bekannten. Christ werden bedeutete damals also: eine buchstäblich lebenswichtige Entscheidung treffen. Der Taufritus des Untertauchens ist ein Sinnbild des Todes: „Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod“ heißt es in Röm 6, 4. Und damals hatte dieser Akt des symbolischen Sterbens häufig eine sehr konkrete Begegnung mit dem realen Tod zur Folge – oder zumindest mit einem Leben in Verachtung und gesellschaftlicher Marginalisierung.

In dieser Zeit der Verfolgung wird die Sorge der Gemeinde verständlich, nur sichere und entschiedene Bewerber aufzunehmen. Zur Prüfung der Ernsthaftigkeit ihres Entschlusses und um ihnen die Grundwahrheiten des Glaubens und des christlichen Handelns einzuprägen, verlangt man von ihnen eine lange Vorbereitungszeit. Man nennt diese Zeit das Katechumenat, also „Unterrichtung“, wobei ΚΑΤΗΧΟΥΜΑΙ im Griechischen wörtlich „widerhallen“ bedeutet. In dieser Zeit der Vorbereitung geht es sozusagen darum, den Widerhall der Botschaft Jesu Christi in den Herzen der Taufbewerber hervorzurufen und zu verspüren. Die Kirchenhistoriker haben herausgefunden, dass das Katechumenat „in Rom um <das Jahr> 180 aufkommt, dann im Wesentlichen zu Beginn des dritten Jahrhunderts in allen großen Städten des Römischen Reiches zu finden ist. Diese Zeit der Vorbereitung dauert damals grundsätzlich drei Jahre und gipfelt in einer noch intensiveren Zurüstungsphase beim Herannahen des Tauftages.“[1]

In dieser Zeit der Verfolgungen gilt, wie gesagt, die besondere Aufmerksamkeit der Erwachsenentaufe. Man komme nicht als Christ auf die Welt, sagt Tertullian, der im 2./3. Jahrhundert lebt, in seiner Apologie (18, 4), man werde es. Er steht einer Taufe der Kinder zurückhaltend gegenüber, während sein Zeitgenosse Origenes trotz des Fehlens eines expliziten neutestamentlichen Nachweises den apostolischen Ursprung der Kindertaufe vertritt.

Fest steht: die Anfänge der Kindertaufe sind nur schwer mit Genauigkeit zu datieren. Es gibt sie, aber seit wann? Zu Beginn des dritten Jahrhunderts sieht auf jeden Fall die Traditio Apostolica („Apostolische Überlieferung“) vor, dass, wenn die Kinder ihren Glauben nicht bekennen können, ihre Eltern (oder sonst jemand aus ihrer Familie) es an ihrer Statt tun sollen. André Benoît, der bereits zitierte Fachmann resümiert: „Während der Periode der Verfolgungen setzte sich die Kirche wohl hauptsächlich aus Erwachsenen zusammen; Nichtsdestoweniger geht die Praxis der Kindertaufe auf die vornizänische Kirche zurück.“[2]

Vornizänisch – was ist das? Die Zeit vor dem Ersten Ökumenischen Konzil in Nizäa, das – wir erinnern uns an unseren Religionsunterricht – im Jahr 325 stattfand. Es ist die Zeit des Kaisers Konstantin des Großen – wir Orthodoxe nennen ihn den heiligen Konstantin den Großen und bezeichnen ihn wegen der Beendigung der Christenverfolgungen als ΙΣΑΠΟΣΤΟΛΟΣ, als „apostelgleich“. Diese konstantinische Zeit ist eine Wendezeit – übrigens auch was die Taufe betrifft. Denn die neue politische und gesellschaftliche Lage, in der sich die Kirche nun befindet, führt wohl allmählich zu einer Abnahme der Erwachsenentaufe zugunsten der Taufe von Kindern christlicher Eltern. So wurde die Kindertaufe zum üblichen Weg des Eintritts in die Kirche. Interessant ist dabei, dass die Riten, die seinerzeit etwa drei Jahre vor der Taufe den Beginn des Katechumenats markierten, der Tauffeier eingegliedert wurden, die für Erwachsene und Kinder gleich ist. Bis heute stehen im ΕYΧΟΛΟΓΙΟΝ, dem Rituale der Orthodoxen Kirche, am Anfang jeder Taufe die „Gebete, wenn jemand zum Katechumenen gemacht wird“. Das Katechumenat dauert aber nicht mehr drei Jahre, sondern zehn Minuten. Und seine wesentliche Rolle bei der Ausbildung der Taufbewerber in Lehre und Ethik ist in Vergessenheit geraten…

Zwei ökumenische Anmerkungen an dieser Stelle:

Erstens: Es ist kein Zufall, dass das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Liturgiekonstitution fordert, wieder einen Katechumenat für Erwachsene einzurichten und zwar überall dort, wo diese Institution nach Urteil des zuständigen Ortsbischofs für vorteilhaft gehalten werde, und mit verschiedenen, durch entsprechende Riten markierten Stufen.[3]

Zweitens: Der in allen christlichen Kirchen des Ostens und des Westens schließlich vorherrschende Brauch der Kindertaufe ist seit der Zeit der Reformation in Frage gestellt worden, von jenen, die meinten, dass der persönliche Glaube in der Kindertaufe nicht – oder nicht genügend – zum Ausdruck komme. Diese Anfrage besteht bis heute.

Hierin liegt eine große ökumenische Herausforderung, gerade auch im Angesicht dieses Baptisteriums, das uns an die Zeit der Glaubenstaufe UND der aufkommenden Kindertaufe erinnert. Es ist eine Mahnung an uns alle als Christinnen und Christen, an unsere Kirchengemeinden, aber insbesondere an die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen auf allen Ebenen, dort also, wo die Begegnung zwischen jenen, die die Glaubenstaufe praktizieren und jenen, welche die Kindertaufe vorziehen, stattfindet. Es ist eine Mahnung, darüber im Gespräch zu bleiben, wie wir die gemeinsame Grundlage, die wir in diesem Baptisterium haben, in unseren ökumenischen Partnerinnen erkennen und freilegen können.

2007 haben 11 Mitgliedskirchen der ACK die sogenannte Magdeburger Erklärung über die gegenseitige Anerkennung der Taufe unterschrieben. Andere Mitgliedskirchen, welche die Glaubenstaufe praktizieren, konnten sie nicht mittragen und unterschrieben damals nicht.

Magdeburg war für mich allerdings nicht das Ende eines Verständigungsprozesses, sondern erst der Beginn. Und seitdem sind wir verstärkt im Gespräch und ich kann hier auch im Namen der Bundes-ACK sagen: wir bleiben darüber im Gespräch und wir müssen darüber im Gespräch bleiben. Auch hier gilt, wie so oft in der Ökumene: meinen wir eigentlich das Gleiche, wenn wir die gleichen Wörter verwenden, etwa Taufe, Glaube, Kirche, Eucharistie. Ökumene bedeutet ganz offensichtlich auch immer „Begriffsklärung“.

Lassen Sie mich aber, als Pfarrer an einer Kirche in Deutz, genau dort, wo die Brücke, die Konstantin der Große errichtet hatte, stand, noch einmal auf die Zeit Konstantins zu sprechen kommen.

In letzter Zeit fällt mir nämlich immer öfter die Ähnlichkeit unserer Zeit mit der konstantinischen Wendezeit auf. Auch unsere Zeit ist Wendezeit.

Die Kirchenhistoriker berichten uns über diese Jahre, wie chic, wie angesagt es war, auf einmal ein Christ zu sein. Noch vor kurzem war das Christentum damals eine Erscheinung am Rand der Gesellschaft gewesen, verfolgt, rechtlos, mehr oder weniger im Untergrund, jetzt gehörte es zum guten Ton, sich taufen zu lassen, Christ zu sein.

Ähnliches erlebt man zur Zeit in den Ländern des ehem. Ostblocks. Parteigenossen, die bis zur Wende nicht einmal in der Nähe einer Kirche gesehen werden wollten oder durften, schlagen jetzt große Kreuze, wenn sie beim Kirchgang gefilmt werden, und rühmen sich ihrer großen Spenden für dieses oder jene Kirchengebäude. (Ich weiß: Gott allein sieht in die Herzen der Menschen und weiß, wie ehrlich diese Menschen damals waren oder heute sind.) Auffallend ist diese Ähnlichkeit der Wendezeiten aber schon…

Diese so genannte Verweltlichung des Christentums führte damals übrigens zum Entstehen und zur Erstarkung des Mönchtums. Man erfand die fuga mundi, die Flucht aus der Welt, weil man sagte, nur in der Einsamkeit der Wüste, nur in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten könne man die Radikalität der Christusnachfolge verwirklichen. All das, was wir heute als Spiritualität kennen und schätzen, hat in dieser Zeit seinen Ursprung.

Heute findet also auch eine Wende statt. Könnte es sein, dass sie in umgekehrter Richtung stattfindet? Heute scheint es ja chic und angesagt zu sein, sich vom Christentum abzuwenden. Christliche Werte? – nein danke! Gottesfrage? – Gott bewahre! Kruzifix im Klassenzimmer – Mittelalter!

Vielleicht ist dies jetzt der Moment, in dem wir die Spiritualität wieder in die Welt tragen müssen – von der Wüste in die Welt zurück. Aus Wasser geboren zu sein, reicht ja nicht, da muss auch noch der Geist dabei sein, sagt der Herr zu Nikodemus.

Wir sind uns alle einig, egal wann und wie wir uns taufen lassen, dass es nicht ausreicht, einen Taufschein zu besitzen, um zu sagen, ich bin ein Christ/eine Christin. Wir wissen, dass unsere Taufe ständiger Aktualisierung bedarf, ständiger neuer Inspiration – im wörtlichen Sinn.

Für uns orthodoxe Christen ist dieses Wirken des Geistes das, was wir das ewige Leben nennen: Leben in der Perspektive der Ewigkeit, Leben im Angesicht Gottes. Anders gesagt: das ewige Leben ist nicht die Vertröstung auf die irgendwann eintretende Ewigkeit, sondern beginnt immer wieder jetzt. Wir haben gerade gehört „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ Das ewige Leben ist also das Nicht-Verloren-Gehen im Glauben und das Vertrauen auf die Liebe und die Zusage Gottes.

Es ist die gleiche liebende Treue Gottes, der dem Noach verspricht: „Ich werde den Erdboden wegen des Menschen nie mehr verfluchen, (…) Ich werde niemals wieder alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe“

Und wir antworten: Wir werden niemals diese deine Treue vergessen, wir werden niemals wieder aufeinander einschlagen, nicht im wörtlichen und nicht im übertragenen Sinne. Wir werden wieder Haushalter der Schöpfung sein. Und gleich werden wir noch mehr Antworten geben.

Im Angesicht dieses Taufbeckens erneuern wir unsere Taufversprechen, denn Tauferinnerung bedeutet ja dann nicht happy souvenirs, sondern taufe for future, um das Denglisch unseres erstaunlichen Gottesdiensttitels aufzugreifen. Nicht Stillstand also, sondern Bewegung.

Der bewegende Augenblick…

Amen.

[1] André Benoît, Charles Munier, Die Taufe in der Alten Kirche, Bern: Peter Lang 1994, S. LXXIII

[2] Ebd.

[3] Konstitution über die Heilige Liturgie‚ Art. 64