
In tiefer Dankbarkeit blicke ich nicht nur auf eine kurze persönliche Begegnung mit Papst Franziskus zurück, sondern insbesondere auf die ökumenische Bedeutung seines Pontifikats. Die persönliche Begegnung mit ihm hat zu tun mit dem Kölner Ökumene- und Versöhnungskreuz. Dieses wurde 1998 vom Heilbronner Künstler Raphael Seitz für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Köln anlässlich des 750jährigen Jubiläums der gotischen Kathedrale Kölner Dom geschaffen, das mit einem Ökumenischen Brückenweg eingeleitet worden ist: „Brücken bauen, statt Mauern“ galt Papst Franziskus als Leitmotiv insbesondere auch für die Ökumene.

Ein weiteres Exemplar des Kölner Ökumenekreuzes wurde aus Anlass des 50jährigen Jubiläums des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen im Jahr 2010 geschaffen und Papst Benedikt XVI. von einer Kölner Delegation überreicht.

Dieses Kreuz hat dann seinen Ort in der Benediktinerabtei St. Paul vor den Mauern seinen Standort gefunden, jenem Ort, an dem Papst Johannes XXIII. am Ende der Gebetswoche für die Einheit der Christen am 25. Januar 1959 ein „Ökumenisches Konzil für die Gesamtkirche“, das Zweite Vatikanische Konzil, ankündigte.

Fünf Jahre später segnete Papst Franziskus bei einer Privataudienz am 18. Februar 2015 ein weiteres Exemplar des Ökumenekreuzes, das zu Ostern 2015 von mir und einigen Freunden des in Buenos Aires tätigen deutschen Priesters Alwin Nagy nach Argentinien gebracht wurde und dort fortan als Zeichen des christlichen Osterglaubens durch die Diözesen Argentiniens wandert. Papst Franziskus nahm sich viel Zeit, um das Ökumene- und Versöhnungskreuz auf sich wirken zu lassen; beglückwünschte den Künstler und sprach im Stillen das vorbereitete Segensgebet.
Zum Schluss verabschiedete er sich von allen persönlich mit Handschlag und bat jeden Einzelnen darum, für ihn zu beten: „Ich habe eine schwere Aufgabe!“ fügte er noch hinzu. Spontan entgegnete ich ihm: „Meine Mutter betet auch für Sie; sie hat heute Geburtstag“. Da lachte er und freute sich sichtlich.
Zurück zum Ökumene- und Versöhnungskreuz: In mehrfacher Hinsicht lässt es sich als ein Brückenweg-Kreuz mit seinem Bildprogramm auf zentrale Herzensanliegen von Papst Franziskus beziehen: „camminare insieme, pregare insieme, collaborare insieme“, („Miteinander gehen, miteinander beten, miteinander arbeiten), das war die Grundformel – so Kardinal Kurt Koch – die Papst Franziskus verwendet hat, um den Weg zur Einheit der Christenheit zu beschreiten. Mit den folgenden Worten eines nicht bekannten Autors lässt sich wohl kaum besser zusammenfassen, um was es bei den Ökumenischen Brückenwegen des Pontifex Papst Franziskus ging:
„Geht euren Weg gemeinsam
damit ihr Freund seid den Fremden
Geht euren Weg gemeinsam
damit ihr lernt voneinander
Geht euren Weg gemeinsam
damit ihr Not leichter ertragt
Geht euren Weg gemeinsam
damit ihr lacht mit den andern
Geht euren Weg gemeinsam
damit ihr gerecht teilt das Glück
Geht euren Weg gemeinsam
damit ihr findet euch selbst
Geht euren Weg gemeinsam
damit alle kommen ans Ziel.“
Sieben Mal wird uns zugerufen: „Geht euren Weg gemeinsam“. Dass dies der Wille Jesu ist, wollen ökumenische Brücken-Wege zum Ausdruck bringen. Sieben Mal werden wir dazu aufgerufen, den Blick über den eigenen Kirchturm zu werfen und Brücken zu schlagen zu den anderen, zu denen in Not, zu denen, die mit auf dem Weg sind, denen, die uns ansonsten fehlen würden. Sieben Mal werden wir ermutigt, selbst Brückenbauer und Brückenbauerinnen zu werden.
Woher nahm Papst Franziskus die Kraft und den Mut, immer wieder dafür einzustehen? Destination statt Resignation – so ließe sich in einer weiteren Grundformel seine Überzeugung beschreiben. Sie gründet in der Berufung und Sendung der Getauften; darin, dass sie als geliebte Söhne / Töchter Gottes, des Vaters, „in Christus“ und in der Kraft des Heiligen Geistes hineingenommen sind in die Gottesbeziehung Jesu, um daraus zu leben und zu handeln. Papst Franziskus Spiritualität und Hoffnung war zutiefst trinitarisch geprägt. Das Kölner Ökumene- und Versöhnungskreuz verweist mit seinem Bildprogramm auf diese trinitarische Dimension Gott zu vertrauen:

Die Farben der Linien, die das Kreuz durchziehen, ergeben zusammen die Farben des Regenbogens, Zeichen für Gott, den Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde; das rote geschwungene Kreuz deutet die geöffneten Arme Jesu am Kreuz an; die drei Feuerzungen am oberen Rand im gleichen tiefen Rot wie das Kreuz deuten auf die todüberwindende und Gemeinschaft spendende Kraft und Macht des Heiligen Geistes hin.

Dieser Glaube an den dreieinen Gott wurde vor 1700 Jahren beim Ersten von allen Kirchen anerkannten Konzil von Nizäa (325) bekannt. Papst Franziskus war es ein Herzensanliegen, dass das 1700jährige Jubiläum des Glaubensbekenntnisses von Nizäa 325 zu einem geisterfüllten Impuls für die gesamte Christenheit sich entfalten möge. Schließlich wird es ja von Christinnen und Christen der katholischen Kirche, der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen, der orthodoxen und altorientalischen Kirchen bis heute bekannt und gebetet. Ökumenisch bedeutsam ist das Glaubensbekenntnis von Nizäa auch als Modell synodaler Beratung und Entscheidung in der Kirche. Im Schlussdokument (26.10.2024) der Weltsynode der römisch-katholischen Kirche „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung“ wird hervorgehoben, dass „das gemeinsame Gedenken an den 1700. Jahrestag dieses Ereignisses [Konzil von Nizäa] eine Gelegenheit sein [sollte], unseren Glauben an Christus gemeinsam zu vertiefen, zu bekennen und Formen der Synodalität unter Christen aller Traditionen in die Praxis umzusetzen.“ Des Weiteren wird gesagt: „Der ökumenische Dialog ist von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung eines Verständnisses der Synodalität und der Einheit der Kirche. Er fordert uns auf, authentisch ökumenische synodale Praxis zu entwickeln, einschließlich Formen der Konsultation und des Diskurses über Fragen von gemeinsamem und dringendem Interesse, wie es die Feier einer ökumenischen Synode zur Evangelisierung sein könnte.“
„Die Freude des Evangeliums“ (Evangelii Gaudium) und der Lobpreis Gottes (Laudato Si´) in der „Sorge für das gemeinsame Haus“ – das sind zentrale Anliegen der ökumenischen Zusammenarbeit auf dem Weg zu einer sichtbaren Einheit der Christenheit, die Papst Franziskus uns immer wieder vor Augen gestellt hat. Diese Anliegen decken sich mit jenen der „Charta Oecumenica“, den Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit der Kirchen in Europa die beim Ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 von den Vertretern der Kirchen für Deutschland unterschrieben wurde. Hier wie auch 2010 beim Zweiten Ökumenischen Kirchentag in München, wo die Einführung einer Ökumenischen Schöpfungsmonats ausgerufen wurde, geschah dies unter dem Ökumene- und Versöhnungskreuz als Zeichen christlicher Hoffnung und Segens für alle.

Köln, 10. Mai 2025
Dr. Rainer Will
Vorstandsmitglied der ACK-Köln